Hamburg hat genug Ärzte, aber Sie sind nicht gerecht verteilt
28.01.2007: Interview von Tanja Gerlach mit Katja Husen im Hamburger Abendblatt Sonntags zu der Frage der medizinischen Versorgung in armen Stadtteilen
Interview "Hamburg hat genug Ärzte, aber sie sind nicht gerecht verteilt"
Katja Husen (30) gesundheitspolitische Sprecherin der GAL in der Bürgerschaft fordert einen Runden Tisch:
Abendblatt Sonntags
Werden Menschen in armen Stadtteilen medizinisch gut versorgt?
Katja Husen
Nur teilweise, es muss sich auf jeden Fall etwas ändern. Hamburg hat genug Ärzte, aber die Verteilung ist nicht gerecht und macht auch nicht immer Sinn. Die Bewohner eines Stadtteils wie Veddel haben andere Probleme und Anforderungen als beispielsweise Eimsbütteler. Sie sind häufiger chronisch krank. Eine Patientin mit Migrationshintergrund muss ihren Arzt in unmittelbarer Nähe haben, weil sie aus kulturellen Gründen häufig nicht weiter fahren darf. Und auch Hartz IV Empfänger sind seit der Abschaffung des Sozialtickets wesentlich immobiler. Diese Menschen müssen ihren Arzt zu Fuß erreichen können.
Tragen die Ärzte Schuld an der zunehmenden Misere?
Husen
Nein, denn ihre Reaktion ist verständlich. Wieso sollte ein junger Arzt das Risiko auf sich nehmen und seine berufliche Existenz riskieren, um in Wilhelmsburg zu arbeiten. Was die Krankenkassen für die Versorgung bezahlen, ist zu gering und Privatpatienten gibt es kaum. Jahrelang haben die Ärzte während ihrer Ausbildung kostenlos und für ein geringes Gehalt gearbeitet und jetzt wollen sie die Früchte ihrer Arbeit ernten. Wer trotz aller Vorzeichen in einem sozial schwachen Stadtteil arbeitet ist ein Idealist.
Ihr CDU Kollege Harald Krüger sieht allein die KV in der Pflicht, eine Lösung zu finden. Stimmen Sie dem zu?
Husen
Nein, denn damit wäre sie zu Recht überfordert. Das Problem ist nicht in Hamburg hausgemacht, sondern ein bundespolitisches Problem. Deswegen müssen alle zusammenarbeiten. Auf Hamburger Ebene würde ich einen Runden Tisch begrüßen. Senat, Politiker, Ärzte, Krankenkassen, KV und Wissenschaftler sollten das Problem gemeinsam angehen. Ich setze mich für eine Unterteilung des Hamburger Bereiches ein, unter der Prämisse, dass junge idealistische Ärzte finanzielle Anreize erhalten in sozialen Brennpunkten zu arbeiten. Beispiel: Wer zehn Jahre auf der Veddel arbeitet, bekommt bessere Konditionen für einen Praxiswechsel in die Innenstadt. Das wäre mein Vorschlag.
Interview Tanja Gerlach
